Sonoma Raceway: Hügel, Reben und ein Kurs ohne Verschnaufpause
Wer den Sonoma Raceway zum ersten Mal besucht, glaubt zunächst an eine Verwechslung. Statt der üblichen flachen Ebene, auf der amerikanische Rennstrecken so oft entstehen, empfängt einen hier eine hügelige Landschaft aus goldgelbem Gras, Rebzeilen und weidenden Schafen, im Süden begrenzt vom Marschland der San Pablo Bay. Doch genau in diese Kulisse hinein wurde 1968 eine der fordernsten Rennstrecken Nordamerikas gebaut: ein Rundkurs von rund 4 Kilometern Länge, der sich mit zwölf Kurven einen Hang hinauf- und wieder hinunterschraubt und dabei kaum einen einzigen ebenen Meter Asphalt bietet.
Ein Amphitheater im Carneros-Land
Die Strecke liegt am südlichen Rand des Sonoma Valley, dort, wo die Highways 37 und 121 aufeinandertreffen. Die Gegend gehört zum Carneros-Gebiet, einer der kühlsten Weinbauregionen Kaliforniens, deren Klima vom Nebel und Wind der Bucht geprägt wird. Morgens hängt oft feuchte Seeluft über den Hügeln, mittags brennt die Sonne, nachmittags fegt ein steifer Wind über das Gelände – Bedingungen, die nicht nur den Pinot Noir der Nachbarschaft prägen, sondern auch die Arbeit der Renningenieure. Eine Abstimmung, die im kühlen Vormittagstraining funktioniert, kann am heißen Nachmittag wertlos sein, weil sich Gripniveau und Reifenverhalten mit der Streckentemperatur spürbar verändern.
Für Zuschauer ist die Topographie ein Geschenk. Weil sich der Kurs über einen natürlichen Hang zieht, wirkt das Gelände wie ein riesiges Amphitheater: Von den Grashängen aus überblickt man weite Teile der Strecke gleichzeitig, ein Panorama, das flache Kurse schlicht nicht bieten können. Der Höhenunterschied zwischen dem tiefsten und dem höchsten Punkt beträgt etwa 50 Meter, und man spürt ihn an fast jeder Stelle des Rundkurses.
Höhenmeter statt Hochgeschwindigkeit
Der Charakter der Strecke ergibt sich unmittelbar aus dem Gelände. Es gibt keine kilometerlange Gerade, keine Steilkurve, keinen Ort, an dem der Motor allein den Unterschied macht. Stattdessen verlangt der Kurs eine ununterbrochene Auseinandersetzung mit Steigung, Gefälle und Kuppen, hinter denen die Einlenkpunkte verschwinden. Gleich nach Start und Ziel geht es steil bergauf: Die zweite Kurve ist eine ansteigende Linkskurve, in der die Fahrer im ersten Moment buchstäblich in den Himmel zielen, weil der Scheitelpunkt hinter der Kuppe liegt. Oben auf dem Hügel folgt ein verwinkelter Abschnitt mit einer blinden Kuppe, an der die Autos leicht werden und jeder Übermut sofort bestraft wird.
Das Herzstück des Kurses ist das Karussell, eine lang gezogene, bergab führende Linkskurve, die sich scheinbar endlos zuzieht. Wer hier Zeit gewinnen will, muss dem Auto in einem Bogen vertrauen, dessen Ausgang beim Einlenken nicht zu sehen ist – und die Belohnung ist Schwung für den schnellsten Streckenteil, die geschwungenen Esses hinunter Richtung Tal. Am Ende des Rundkurses wartet dann die berüchtigtste Stelle: die enge Haarnadel von Kurve 11, kurz vor der Ziellinie. Sie ist die klassische Überholstelle, der Ort verzweifelter Ausbremsmanöver in letzten Runden, und sie hat über die Jahrzehnte mehr Rennen entschieden – und mehr Kotflügel gekostet – als jeder andere Streckenabschnitt.
Für die Ingenieure ist Sonoma ein einziger Zielkonflikt. Wer das Auto weich genug abstimmt, um über die Kuppen Traktion zu finden, verliert Stabilität in den schnellen Richtungswechseln; wer es für die Esses versteift, rutscht in den langsamen Passagen. Dazu kommen Bremszonen, die fast nie eben sind: Bergab verlängert sich jeder Bremsweg unweigerlich, bergauf kostet zu frühes Bremsen wertvollen Schwung für die folgende Steigung. Eine schnelle Runde in Sonoma ist deshalb weniger eine Frage des Mutes als der Disziplin – und genau diese Mischung schätzen Fahrer quer durch alle Kategorien an diesem Kurs.
Von Sears Point zum Sonoma Raceway
Eröffnet wurde die Anlage 1968 unter dem Namen Sears Point Raceway, benannt nach der örtlichen Landmarke am südlichen Ausläufer der Sonoma Mountains. In den ersten Jahrzehnten diente die Strecke als nordkalifornisches Zuhause des Rundstreckensports, mit Sportwagenrennen, Motorradveranstaltungen und Dragster-Events, während Laguna Seca weiter südlich auf der Monterey-Halbinsel eine ähnliche Rolle spielte. Die Anlage wechselte mehrfach den Besitzer und durchlebte auch wirtschaftlich unsichere Phasen, ehe der Konzern Speedway Motorsports sie 1996 übernahm und umfassend modernisierte.
Auch der Name folgte den kommerziellen Zeitläuften: Ab 2002 hieß die Strecke ein Jahrzehnt lang Infineon Raceway, nach dem deutschen Halbleiterhersteller, der sich die Namensrechte gesichert hatte. Seit 2012 trägt sie den schlichteren und geographisch ehrlicheren Namen Sonoma Raceway. Im Fahrerlager hält sich der alte Name allerdings hartnäckig – wer von „Sears Point" spricht, outet sich als Kenner mit langem Gedächtnis.
NASCAR im Kurvenlabyrinth
Seit 1989 gehört Sonoma fest zum Kalender der NASCAR Cup Series; das erste Cup-Rennen gewann damals Ricky Rudd. Über Jahrzehnte war der Kurs eines von nur zwei Straßenrennen im gesamten Saisonverlauf, was den jährlichen Ausflug ins Weinland zu einem echten Sonderfall machte: schwere, für Ovale konstruierte Stock Cars auf einer Strecke, die feines Bremsgefühl und dosierten Gaseinsatz belohnt. Straßenkurs-Spezialisten wurden hier zu Kultfiguren, etablierte Oval-Stars mitunter vorgeführt.
Kein Fahrer beherrschte die Strecke so wie Jeff Gordon. Der Kalifornier, der in der Region aufwuchs, gewann fünf Cup-Rennen in Sonoma – bis heute die Bestmarke. Bemerkenswert ist auch die Layout-Geschichte: Lange Zeit nutzte die NASCAR eine verkürzte Variante, die das Karussell über eine Verbindungsspange ausließ, um das Renngeschehen kompakt zu halten. Erst 2019 kehrte das komplette Karussell in die NASCAR-Runde zurück, sehr zur Freude der Puristen, die fanden, dass die beste Kurve der Strecke in deren größtes Rennen gehört.
Der Rennsonntag im Juni hat dabei seinen ganz eigenen Rhythmus. Die Hitze des Hochsommers staut sich zwischen den Hügeln, die Bremsen leiden, die Reifen bauen ab, und wer zu aggressiv mit dem Material umgeht, zahlt in der Schlussphase die Rechnung. Boxenstrategie und Reifenmanagement entscheiden hier häufiger über den Sieg als der pure Speed – auch das unterscheidet den Ausflug ins Weinland von einem gewöhnlichen Oval-Wochenende.
Titelentscheidungen zwischen Rebzeilen
Auch der Formelsport hat in Sonoma Geschichte geschrieben. Von 2005 bis 2018 gastierte die IndyCar-Serie Jahr für Jahr im Weinland, und in den späteren Jahren fungierte das Rennen als Saisonfinale – die Meisterschaft wurde also wiederholt in den Hügeln von Carneros entschieden. Scott Dixon gewann dort 2015 Rennen und Titel zugleich, Simon Pagenaud wiederholte dieses Kunststück 2016 mit einem dominanten Wochenende. Das Bild des frisch gekrönten Champions vor der Kulisse der Weinberge wurde zu einem der prägenden Motive jener Ära.
Daneben ist die Anlage eine feste Größe im Beschleunigungssport: Auf dem Gelände liegt ein Dragstrip von einer Viertelmeile Länge, und die NHRA macht bei ihrem alljährlichen Sommergastspiel in Sonoma Station – traditionell als Teil des kräftezehrenden „Western Swing", bei dem die Profiteams an drei aufeinanderfolgenden Wochenenden drei Strecken im Westen der USA abarbeiten. Rechnet man Motorradrennen, historische Festivals, Sportwagenveranstaltungen, Rennfahrerschulen und beinahe tägliche Trackdays hinzu, gehört Sonoma zu den am intensivsten genutzten Motorsportanlagen der Vereinigten Staaten.
Eine Rennstrecke, die ihre Landschaft ernst nimmt
Zum Charme des Ortes gehört, wie selbstverständlich sich die Anlage in ihre landwirtschaftliche Umgebung fügt. Eine eigene Schafherde weidet die steilen Grashänge ab, die für Mähmaschinen kaum zugänglich wären, und eine große Solaranlage deckt einen erheblichen Teil des Energiebedarfs. Die Betreiber pflegen die Nähe zur Weinregion ganz bewusst, mit Partnerschaften und einem Hospitality-Angebot, das an kaum einem anderen amerikanischen Speedway denkbar wäre. An ruhigen Wochentagen hallt das Echo einzelner Clubsport-Motoren von Hügeln wider, auf denen sonst nur Wind und Vogelstimmen zu hören sind.
Genau dieser Kontrast macht Sonoma aus: eine der fahrerisch anspruchsvollsten Strecken Nordamerikas, gelegen an einem der angenehmsten Orte, an denen man Rennautos zuschauen kann. Wer das kalifornische Weinland besucht und Benzin im Blut hat, sollte den Umweg über die Hügel am Sears Point fest einplanen.
Auf der Karte
Der Sonoma Raceway ist nur ein Punkt in einem dichten Netz kalifornischer Motorsportstätten – von den Küstenkurven bei Monterey bis zu den Dirt-Ovalen des Central Valley. Wo genau die Strecke zwischen San Pablo Bay und Sonoma Valley liegt und welche anderen Rundkurse, Speedways und Dragstrips die Region zu bieten hat, zeigt unsere interaktive Karte. Ein Zoom nach Nordkalifornien lohnt sich: Die Hügel des Weinlands sind erst der Anfang.