← Zurück zum Blog

Canadian Tire Motorsport Park: Kanadas schnelle Naturrennstrecke im Porträt

Es gibt Rennstrecken, die man am Reißbrett erkennt, und es gibt Rennstrecken, die man am Gelände erkennt. Der Canadian Tire Motorsport Park in der Gemeinde Clarington in Ontario, gut eine Autostunde östlich von Toronto gelegen, gehört unmissverständlich zur zweiten Sorte. Knapp vier Kilometer Asphalt, zehn Kurven, kaum ein flacher Meter: Die Strecke, die 1961 unter dem Namen Mosport eröffnet wurde, folgt den Hügeln der Landschaft, statt sie einzuebnen. Genau daraus bezieht sie ihren Charakter - und ihren Ruf als eine der schnellsten und furchteinflößendsten Naturrennstrecken des Kontinents.

Was diese Strecke so besonders macht

Wer verstehen will, warum Fahrer seit über sechs Jahrzehnten mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Begeisterung von Mosport sprechen, muss sich zwei Dinge vor Augen führen: das Tempo und das Profil. Der Kurs kennt keine künstlichen Bremspunkte, keine Schikanen, keine Stadionpassagen. Stattdessen reiht er schnelle Bögen aneinander, die bergauf und bergab führen, oft mit blindem Scheitelpunkt und abfallender Fahrbahn. Die Durchschnittsgeschwindigkeit einer Runde zählt zu den höchsten aller Rundstrecken Nordamerikas.

Das Höhenprofil sorgt dafür, dass das Auto praktisch nie in Ruhe ist. Einfedern, Ausfedern, Lastwechsel im Scheitel - was auf einer flachen Strecke ein solider Kompromiss wäre, wird hier gnadenlos offengelegt. Ingenieure lieben die Strecke deshalb als Prüfstand, Fahrer lieben sie, weil Mut und Präzision gleichermaßen belohnt werden. Und Zuschauer lieben sie, weil man von den Naturtribünen aus ganze Streckenabschnitte überblicken kann, wie es moderne Anlagen kaum noch bieten.

Eine Runde, Kurve für Kurve

Die Runde beginnt mit einer schnellen Rechtskurve, die noch harmlos wirkt - bis unmittelbar danach Kurve zwei folgt. Diese lange, bergab führende Linkskurve gilt vielen Profis als eine der größten Herausforderungen des internationalen Motorsports: Die Fahrbahn fällt zur Kurvenaußenseite hin ab, der Ausgang ist nicht einsehbar, und wer zögert, verliert nicht Zehntel, sondern ganze Sekunden.

Es folgt ein Wechselspiel aus schnellen Richtungswechseln, bevor die Strecke in Moss Corner mündet, die langsame Doppelkurve, die nach Stirling Moss benannt ist. Sie ist der einzige echte Ruhepunkt der Runde und zugleich eine klassische Geduldsprobe: Wer am Eingang zu viel will, bezahlt am Ausgang. Danach öffnet sich der Kurs wieder - eine Folge weit geschwungener, bergauf führender Rechtskurven, die mit enormem Tempo genommen werden, leitet auf die lange Gegengerade über, die den Namen von Mario Andretti trägt. Die letzte Kurve schließlich wirft die Autos zurück auf die Start-und-Ziel-Gerade, und alles beginnt von vorn.

Die Anfänge: Moss und der Name Mosport

Der Name der Strecke ist schlicht eine Zusammenziehung der englischen Wörter für Motor und Sport. Ende der 1950er-Jahre suchten kanadische Motorsport-Enthusiasten ein dauerhaftes Zuhause für ihren Sport und fanden es im Hügelland nordöstlich von Bowmanville. Als die Anlage im Juni 1961 eröffnet wurde, kam prominente Unterstützung aus Europa: Stirling Moss, damals auf dem Höhepunkt seines Ruhms, gewann das große Sportwagenrennen der ersten Saison. Die Doppelkurve, die bis heute seinen Namen trägt, ist die dauerhafte Erinnerung daran, dass diese Strecke von Anfang an internationale Ambitionen hatte.

Acht Grands Prix: die Formel-1-Jahre

Zwischen 1967 und 1977 war Mosport achtmal Schauplatz des Großen Preises von Kanada, anfangs im Wechsel mit Mont-Tremblant in Québec, später als feste Heimat des Rennens. Die Siegerliste liest sich wie ein Who's who der Epoche: Jack Brabham gewann die Premiere 1967 im Regen, Jacky Ickx triumphierte 1969, Jackie Stewart gleich zweimal, 1971 und 1972.

Das Rennen von 1973, das Peter Revson für sich entschied, sicherte sich einen kuriosen Platz in den Geschichtsbüchern: Im Chaos aus Regen, Unfällen und Zählverwirrung kam erstmals in der Geschichte der Formel-1-Weltmeisterschaft ein Safety Car zum Einsatz. Emerson Fittipaldi siegte 1974, James Hunt 1976 auf dem Weg zu seinem WM-Titel, und Jody Scheckter gewann 1977 den letzten Grand Prix auf dieser Strecke - am Steuer eines Autos des kanadischen Teams Walter Wolf Racing, was der Geschichte eine patriotische Schlusspointe verlieh.

Danach war Schluss. Die Formel-1-Autos waren schlicht zu schnell geworden für die Auslaufzonen, Barrieren und die Infrastruktur der Strecke. Ab 1978 zog der Grand Prix dauerhaft nach Montreal um. Was Mosport das Formel-1-Rennen kostete - die kompromisslose Geschwindigkeit -, blieb der Strecke als Markenzeichen erhalten.

Can-Am, Motorräder und die wilden Jahre

Neben der Formel 1 prägte vor allem die Can-Am-Serie das Bild der Strecke. Vom ersten Jahr der Serie 1966 an donnerten die praktisch reglementfreien Sportprototypen über die blinden Kuppen von Mosport, und die Kombination aus gewaltiger Motorleistung und stürzendem Gelände machte die Rennen zu Spektakeln, von denen kanadische Fans noch heute erzählen. Auch der Motorradsport schrieb hier Geschichte: 1967 gastierte die Motorrad-Weltmeisterschaft in Mosport. Dazu kamen über die Jahrzehnte Trans-Am, Formel 5000, IndyCar und Langstreckenrennen - kaum eine Strecke Amerikas kann auf eine derart vielfältige Vergangenheit zurückblicken.

Rettung, Umbau, neuer Name

Wie viele klassische Rennstrecken durchlebte auch Mosport magere Jahrzehnte, in denen die Substanz litt und die Zukunft ungewiss schien. Die Wende kam 2011, als eine Eigentümergruppe um den kanadischen Rennfahrer Ron Fellows und den Unternehmer Carlo Fidani die Anlage übernahm. Es folgten Investitionen in einem Umfang, den die alte Strecke nie gesehen hatte: neuer Belag, ein modernes Fahrerlager, Boxengebäude, ein Veranstaltungszentrum und verbesserte Zuschauerbereiche. Seit 2012 trägt die Anlage im Rahmen einer langfristigen Partnerschaft mit der Handelskette Canadian Tire ihren heutigen Namen.

Entscheidend ist, was bei alldem nicht passierte: Der Grand-Prix-Kurs selbst wurde nicht entschärft. Die bergab stürzende Kurve zwei, die schnellen Bögen, die blinden Kuppen - das Layout blieb im Kern das von 1961.

Die Strecke heute

Der moderne Rennkalender ist dicht gefüllt. Die IMSA-Sportwagenmeisterschaft bringt jeden Sommer Prototypen und GT-Fahrzeuge der Spitzenklasse nach Ontario und setzt damit eine Langstreckentradition fort, die bis in die Gründungsjahre zurückreicht. Die NASCAR Truck Series fuhr ab 2013 auf der Strecke; gleich ihr erstes Gastspiel endete mit einem Rempler samt Überholmanöver in der letzten Kurve, der zu den meistgezeigten Szenen der Seriengeschichte zählt. Kanadische Superbike-, Sportwagen- und Tourenwagenserien sowie ein beliebtes Oldtimer-Festival füllen die Saison von Frühjahr bis Herbst. Auf dem Gelände befinden sich außerdem eine separate Trainingsstrecke und eine Kartbahn - der Canadian Tire Motorsport Park ist längst ein Campus des kanadischen Motorsports, nicht bloß ein Asphaltband.

Für Besucher ist die Anlage ohnehin ein Erlebnis der alten Schule. Statt Betontribünen gibt es Naturhänge, auf denen Fans campen wie zu Can-Am-Zeiten, und von den Hügeln aus überblickt man ganze Streckenabschnitte: den Abgrund von Kurve zwei, das Tal an der Moss Corner, die schnellen Bögen vor der Gegengeraden. Wer einmal ein Rennwochenende dort verbracht hat, versteht, warum viele kanadische Fans die Anreise aus dem ganzen Land auf sich nehmen.

Warum Mosport bleibt

In einer Ära von Stadtkursen und großzügig asphaltierten Auslaufzonen ist der Canadian Tire Motorsport Park ein lebendes Plädoyer für die ältere Idee der Rennstrecke: eine Straße, die über echtes Gelände gelegt wurde, auf der Gefälle und Neigung jene Arbeit leisten, die anderswo Schikanen übernehmen müssen. Kaum eine Strecke der Welt verbindet so viel Geschichte mit einem Layout, das dem Original von 1961 noch so nahekommt. Genau das macht sie zu einem Pflichtziel für jeden, der verstehen will, wie sich Motorsport anfühlte, als Mut noch die wichtigste Währung war - und wie er sich dort bis heute anfühlt.

Auf der Karte

Der Canadian Tire Motorsport Park liegt im ländlichen Clarington in Ontario, in bequemer Reichweite von Toronto und mitten im motorsportreichen Korridor der Großen Seen. Die genaue Lage der Strecke - und Hunderte weitere Rennstrecken, Ovale und Motorsportanlagen weltweit - findest du auf unserer interaktiven Karte. Ein Blick auf Süd-Ontario lohnt sich: Die Region rund um das alte Mosport ist dichter mit Motorsportgeschichte besiedelt, als man denkt.