Michigan International Speedway: das schnellste Zwei-Meilen-Oval der NASCAR
Rund eine Autostunde südwestlich von Detroit, zwischen Seen, Wäldern und Campingplätzen einer Hügellandschaft mit dem Namen Irish Hills, liegt eine der schnellsten Rennstrecken Nordamerikas. Der Michigan International Speedway beim Örtchen Brooklyn ist ein Oval von zwei Meilen Länge, also gut 3,2 Kilometern, dessen weite, sanft überhöhte Kurven Stockcars kaum zum Lupfen zwingen. Nach der Neuasphaltierung im Jahr 2012 kletterten die Qualifying-Geschwindigkeiten über die Marke von 200 Meilen pro Stunde, umgerechnet mehr als 320 km/h. Und weil die großen Autokonzerne des Landes praktisch um die Ecke sitzen, ist kaum ein Sieg im amerikanischen Motorsport so prestigeträchtig wie einer in Michigan.
Amerikas Autoindustrie direkt vor der Haustür
Keine andere Superspeedway-Anlage liegt so nah an den Konzernzentralen von Ford, General Motors und Chrysler. Für die Ingenieure und Manager der Motor City ist das Rennwochenende in den Irish Hills seit jeher ein Heimspiel, ein Betriebsausflug mit Benzingeruch. Wer hier gewinnt, gewinnt vor den Augen jener Menschen, die die Motoren und Karosserien der Rennwagen mitentwickelt haben. Entsprechend erbittert wurde in Michigan über Jahrzehnte um die Vorherrschaft der Hersteller gekämpft, und ein Erfolg der eigenen Marke wurde in Dearborn oder Detroit gefeiert wie ein Titelgewinn. Auch das Fahrerlager ist tief in der Region verwurzelt: Teile der Zulieferindustrie, unzählige Motorsportingenieure und nicht zuletzt das Imperium von Roger Penske haben ihre Wurzeln in Michigan. Für die Fans aus den Industriestädten im Südosten des Bundesstaats und im benachbarten Ohio ist der Speedway schlicht die Strecke vor der Haustür, so gewaltig ihre Dimensionen auch sein mögen. Diese Nähe zwischen Werkbank und Zielflagge macht den Ort im amerikanischen Rennsport einzigartig.
Ein Entwurf des Daytona-Architekten
Gezeichnet wurde das Oval von Charles Moneypenny, jenem Ingenieur, der zuvor den Daytona International Speedway entworfen hatte. Für Michigan wählte er eine D-Form: Die Start-und-Ziel-Gerade wölbt sich nach außen, was den Vollgasanteil der Runde verlängert und den Zuschauern auf der Haupttribüne einen Blick über die gesamte Anlage eröffnet. Die Kurven sind mit 18 Grad vergleichsweise moderat überhöht, deutlich flacher als die Steilwände von Daytona oder Talladega. Moneypennys Kunstgriff liegt im Radius: Die Kurven sind außergewöhnlich lang und breit angelegt, sodass die Autos in einem weiten Bogen hindurchtragen können, ohne nennenswert Geschwindigkeit einzubüßen. Die Fahrbahn bietet Platz für mehrere Ideallinien, von der weißen Linie am Innenrand bis hinauf an die Mauer. Genau diese Breite ist das Markenzeichen der Strecke. Wo engere Ovale das Feld zur Einerreihe zwingen, wird in Michigan zu zweit, zu dritt, manchmal zu viert nebeneinander durch die Kurven gefahren, und welche Spur die schnellste ist, hängt von Reifenverschleiß, Wetter und Fingerspitzengefühl ab.
Aufstieg, Pleite und die Ära Penske
Eröffnet wurde die Strecke im Oktober 1968 als Prestigeprojekt des Immobilienunternehmers Lawrence LoPatin und seiner Firma American Raceways. LoPatin träumte von einer landesweiten Kette moderner Superspeedways, mit Michigan als Flaggschiff in Reichweite der Millionenregion um Detroit. Das erste Rennen bestritten Indycars im Herbst 1968, im Juni 1969 folgte die höchste NASCAR-Liga. Sportlich überzeugte die Anlage von Beginn an, wirtschaftlich jedoch übernahm sich American Raceways, und Anfang der 1970er Jahre brach das Unternehmen zusammen. Die Rettung kam 1973, als Roger Penske den Speedway übernahm. Der frühere Rennfahrer und aufstrebende Unternehmer, dessen Firmengeflecht eng mit Michigan verbunden ist, investierte ein Vierteljahrhundert lang in Tribünen und Infrastruktur und machte die Strecke zu einem Eckpfeiler des amerikanischen Ovalsports. 1999 verkaufte Penske seine Streckenbeteiligungen an die International Speedway Corporation der Familie France, die 2019 vollständig in der NASCAR aufging. Heute gehört der Michigan International Speedway also dem Verband, dessen Rennen hier jeden Sommer stattfinden.
Die wilden Jahre der Indycars
Die Geschichte der Strecke ist untrennbar mit dem Formelsport verbunden. Schon das Eröffnungsrennen 1968 fuhren Indycars, und in den 1970er und 1980er Jahren entwickelte sich Michigan zu einer der härtesten Prüfungen dieser Fahrzeuggattung. Ab 1981 bildete das Michigan 500 gemeinsam mit dem Indianapolis 500 und dem Pocono 500 eine berühmte Trilogie von 500-Meilen-Rennen. Der Ruf des Michigan 500 war gefürchtet: Dauervollgas am Limit von Reifen, Motoren und Nerven, dazu Ausfallquoten, die regelmäßig das halbe Feld dahinrafften. In den 1980er Jahren wurden auf diesen zwei Meilen Weltrekorde für geschlossene Rundkurse aufgestellt. 1996, auf dem Höhepunkt der Spaltung des amerikanischen Formelsports, trug die CART-Serie hier das erste US 500 aus, trotzig angesetzt am selben Tag wie das Indianapolis 500. Bis 2007 blieben die Monoposti dem Oval treu, dann endete die Ära. Viele Veteranen jener Jahre beschreiben die Runden in Michigan bis heute als die intensivsten ihrer Karriere.
Zwei Meilen, achtzehn Grad, volle Fahrt
Auch ohne Indycars ist Michigan ein Tempel der Geschwindigkeit geblieben. Lange Geraden, weite Kurvenradien und die moderate Überhöhung sorgen dafür, dass Stockcars fast die gesamte Runde nahe ihrer Höchstgeschwindigkeit verbringen. Anders als in Daytona oder Talladega wird die Leistung hier nicht durch das Reglement eingebremst: Das Tempo in Michigan ist ehrlich, erarbeitet durch Motorleistung und aerodynamische Effizienz. Für die Ingenieure ist die Strecke deshalb ein Gradmesser, für die Fans eine der seltenen Gelegenheiten, die Autos am absoluten Maximum zu erleben. Der Windschatten spielt auf der langen Anfahrt zur ersten Kurve eine gewaltige Rolle, und ein gut getimter Schleuderzug aus der letzten Kurve hat schon manches Rennen auf den letzten Metern entschieden. Die Fahrer beschreiben die Herausforderung als trügerisch: Bei 290 km/h wirken die Kurven harmlos, bei 320 verzeihen sie keinen Fehler mehr. Wer hier schnell sein will, braucht Mut zum Nichtstun, also die Disziplin, den Fuß eben nicht zu heben.
Taktik, Sprit und der lange Atem
Michigan gilt als Strecke der Strategen. Die Zwei-Meilen-Runde und das hohe Dauertempo treiben den Verbrauch in die Höhe, und weil lange Grünphasen hier eher Regel als Ausnahme sind, wird der letzte Boxenstopp oft zum Vabanquespiel. Etliche denkwürdige Rennen wurden nicht durch ein Überholmanöver entschieden, sondern durch Kopfrechnen: Führende, die in den Schlussrunden Benzin sparen mussten, während die Verfolger Meter um Meter näherkamen. Freie Luft ist auf diesem Oval bares Geld wert, weshalb die Crew Chiefs die Boxenzyklen wie ein Endspiel im Schach behandeln. Seit 2021 gastiert der NASCAR Cup nur noch einmal pro Saison in Michigan, im August, mit einem Rennwochenende, das derzeit den Namen eines Casino-Sponsors trägt und von den Nachwuchsserien flankiert wird. Die Bündelung hat dem Termin gutgetan: Ein einziges großes Sommerfest in den Irish Hills, bei dem sich die Campingplätze schon Tage vor dem Start füllen und Volksfeststimmung auf Hochtechnologie trifft.
Tipps für den Besuch
Wer die Reise antritt, sollte die Umgebung nicht unterschätzen. Die Irish Hills sind ein traditionsreiches Ausflugsgebiet mit Seen, kuriosen Attraktionen am Straßenrand und einer entspannten Ferienatmosphäre, die das Rennwochenende angenehm erdet. Detroit mit seinen Automobilmuseen liegt nur eine gute Autostunde entfernt, ebenso Ann Arbor mit seiner Universitätskultur. An Renntagen empfiehlt sich eine frühe Anreise, denn die Landstraßen rund um Brooklyn füllen sich schnell, wenn Zehntausende gleichzeitig zum Oval strömen. Auf den Tribünen lohnt ein Platz in höheren Reihen: Dank der D-Form überblickt man von dort fast die gesamte Runde, vom Anbremsen der ersten Kurve bis zum Herausbeschleunigen aus der vierten. Und wer das Spektakel einmal erlebt hat, dieses tiefe, nicht abreißende Dröhnen eines Feldes bei Dauervollgas, versteht, warum die Menschen in Michigan ihre Strecke mit derselben Selbstverständlichkeit lieben wie ihre Autoindustrie.
Auf der Karte
Der Michigan International Speedway ist nur ein Punkt in der weiten Landschaft des amerikanischen Rennsports zwischen Atlantik und Pazifik. Wie sich das Zwei-Meilen-Oval in den Irish Hills zu Daytona, Talladega, Indianapolis und Hunderten weiteren Strecken weltweit verhält, zeigt unsere interaktive map. Dort lässt sich der gesamte Motorsportkorridor rund um Detroit erkunden, Strecke für Strecke.