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Aintree: Als der Große Preis von Großbritannien neben dem Grand National fuhr

Wer im Juli 1955 auf den Tribünen von Aintree stand, saß auf Plätzen, die eigentlich für Pferderennen gebaut worden waren – und sah trotzdem eines der denkwürdigsten Formel-1-Rennen des Jahrzehnts. Stirling Moss schlug Juan Manuel Fangio um Zehntelsekunden und gewann als erster Brite den Großen Preis von Großbritannien im Rahmen der Weltmeisterschaft. Der Schauplatz: eine drei Meilen lange Rennstrecke am Stadtrand von Liverpool, angelegt im Gelände jener Bahn, auf der seit 1839 das Grand National gesprungen wird. Ein Jahrzehnt lang lebten hier zwei Formen von Pferdestärken Tür an Tür.

Eine Rennstrecke im Gelände einer Pferderennbahn

Aintree im Nordwesten Englands, unmittelbar nördlich von Liverpool gelegen, war über ein Jahrhundert lang vor allem eines: die Heimat des Grand National, des berühmtesten und härtesten Hindernisrennens der Welt. Dass ausgerechnet hier in den 1950er Jahren ein Formel-1-Kurs entstand, war kein Zufall, sondern kühle Geschäftsrechnung. Die Betreiber der Rennbahn wollten ihr riesiges Gelände öfter nutzen als an den wenigen Pferderenntagen im Jahr, und das Nachkriegs-Großbritannien hungerte nach Motorsport. So entstand eine eigens gebaute Asphaltstrecke, die 1954 eröffnet wurde und sich das Areal, die Zufahrten und vor allem die gewaltigen festen Tribünen mit dem Pferdesport teilte. Zuschauer verfolgten Grand-Prix-Rennen von denselben Rängen aus, auf denen sonst das Grand National bejubelt wurde – eine Doppelnutzung, die unter den WM-Strecken jener Ära praktisch einzigartig war und Aintree eine Infrastruktur bescherte, von der die vielen umgebauten Flugplatzkurse der Zeit nur träumen konnten.

Mirabel Topham und der Bau von 1954

Die treibende Kraft hinter dem Projekt war Mirabel Topham, die resolute Chefin des Familienunternehmens, dem die Rennbahn gehörte. Die frühere Schauspielerin führte Tophams Ltd mit legendärer Entschlossenheit und setzte den Bau der Motorrennstrecke Anfang der 1950er Jahre durch – in einer Zeit, in der eine Frau an der Spitze eines großen Sportgeländes eine absolute Ausnahmeerscheinung war. Ihre Rechnung war einfach: Ein moderner, gut ausgestatteter Kurs in unmittelbarer Nähe einer Großstadt, mit fertigen Tribünen und vorhandener Infrastruktur, konnte sich glaubwürdig um das größte Rennen des Landes bewerben. Der Plan ging fast sofort auf. Schon im Jahr nach der Eröffnung bekam Aintree den Großen Preis von Großbritannien zugesprochen, und das Rennen kehrte 1957, 1959, 1961 und 1962 zurück – im Wechsel mit Silverstone, das sich die britische WM-Heimat fortan teilen musste.

Kurven mit Namen aus dem Hindernissport

Eine Runde auf dem Grand-Prix-Kurs maß drei Meilen und verlief innerhalb und entlang der Grand-National-Bahn, auf einem Gelände, das so flach ist wie die umgebende Ebene Lancashires. Was der Strecke an Höhenunterschieden fehlte, machte sie durch Charakter wett – und viel davon steckte in ihren Namen. Die Kurven wurden nach der Welt des Hindernisrennsports benannt, in deren Mitte sie lagen: Becher's Bend zitierte Becher's Brook, den berüchtigtsten Sprung des Pferdesports; Valentine's Way erinnerte an Valentine's Brook; Melling Crossing verwies auf die Melling Road, die das Geläuf kreuzt; und Tatts Corner spielte auf den Tattersalls-Bereich an. Cottage Corner, Country Corner, Waterway und Anchor Crossing vervollständigten eine Runde, die Rhythmus und Präzision belohnte statt Mut über Kuppen. Das flache Terrain bot den Zuschauern zudem ungewöhnlich gute Sicht, und mit den hohen Rennbahntribünen über Start und Ziel konnte Aintree riesige Menschenmengen komfortabel unterbringen.

1955: Moss schlägt Fangio – oder ließ Fangio ihn gewinnen?

Der erste WM-Lauf in Aintree im Juli 1955 lieferte eines der prägenden Ergebnisse des Jahrzehnts. Mercedes-Benz reiste auf dem Höhepunkt seiner Überlegenheit an und belegte die ersten vier Plätze, doch entscheidend war die Reihenfolge ganz vorn: Stirling Moss verwies seinen Teamkapitän Juan Manuel Fangio mit hauchdünnem Vorsprung auf Rang zwei, feierte seinen ersten WM-Sieg überhaupt und war damit der erste britische Fahrer, der den Großen Preis von Großbritannien als Weltmeisterschaftslauf gewann. Der Zieleinlauf war so knapp und Fangios sportliche Größe so bekannt, dass die Frage nie verstummte, ob der große Argentinier seinem jungen Teamkollegen den Heimsieg geschenkt hatte. Fangio beteuerte stets, Moss habe verdient gewonnen; Moss selbst war sich zeitlebens nicht ganz sicher. Gerade diese Ungewissheit machte den Nachmittag neben den Grand-National-Hindernissen zur Legende.

1957: Der erste Sieg für ein britisches Auto

Gehörte 1955 einem britischen Fahrer, so gehörte 1957 einem britischen Auto. Das Vanwall-Team kam mit echtem Tempo nach Aintree, und in einem dramatischen Rennen übernahm Stirling Moss, dessen eigener Wagen Probleme bekommen hatte, das Schwesterauto von Tony Brooks und fuhr es zum Sieg. In den Statistiken teilen sich beide Fahrer den Erfolg, doch seine Bedeutung war eine nationale: Zum ersten Mal hatte ein in Großbritannien gebautes Auto einen Lauf zur Formel-1-Weltmeisterschaft gewonnen. Für ein Land, dessen grün lackierte Rennwagen jahrelang dem Rot Italiens und dem Silber Deutschlands hinterhergefahren waren, war der Heimsieg eines heimischen Konstrukteurs ein Wendepunkt. Die britische Konstrukteursrevolution, die die Formel 1 über Jahrzehnte dominieren sollte, hat sich an jenem Tag in Aintree angekündigt.

Cooper, Ferrari und die Ära Clark

Die drei übrigen WM-Rennen in Aintree spiegelten die rasante Entwicklung des Sports. 1959 gewann Jack Brabham für Cooper, jenen kleinen Konstrukteur, dessen Heckmotor-Wagen gerade dabei waren, sämtliche Frontmotor-Grand-Prix-Autos alt aussehen zu lassen; Brabhams Sieg fiel in die Saison seines ersten WM-Titels. Zwei Jahre später, 1961, verwandelte strömender Regen das Rennen in eine Prüfung der Fahrzeugbeherrschung, und Ferraris überlegene Autos fuhren vorneweg – der Sieg ging an Wolfgang von Trips. 1962 schließlich zeigte sich die Zukunft: Jim Clark holte in Colin Chapmans revolutionärem Lotus mit Monocoque-Bauweise einen souveränen Sieg jener Art, die sein Markenzeichen werden sollte. Innerhalb von acht Jahren hatte Aintree das Ende der Mercedes-Ära, den ersten britischen Konstrukteurssieg, die Heckmotor-Revolution und den Aufstieg des nächsten Jahrhundertfahrers erlebt. Kaum eine andere Strecke der Welt hat derart viel Grand-Prix-Geschichte in eine derart kurze Spanne gepackt – und das alles auf dem Gelände einer Pferderennbahn, keine zehn Kilometer vom Zentrum Liverpools entfernt.

Vom Weltmeisterschaftskurs zur Clubstrecke

Nach 1962 kehrte der Große Preis von Großbritannien nicht mehr zurück; ab 1964 wechselte er zwischen Silverstone und Brands Hatch. Aintrees Zeit in der obersten Liga klang mit einer letzten Serie von Formel-1-Rennen ohne WM-Status aus, den angesehenen Aintree-200-Läufen Mitte der 1960er Jahre. Der komplette Grand-Prix-Kurs wurde danach nicht mehr für internationale Rennen genutzt – doch die Geschichte endete hier nicht. Eine kürzere Clubstrecke von etwa anderthalb Meilen, die einen Teil des Originallayouts nutzt, blieb in Betrieb und wird bis heute bespielt: mit Sprintveranstaltungen für Autos und mit Motorradrennen lokaler Clubs. Teile des alten Grand-Prix-Asphalts existieren noch immer auf dem Rennbahngelände und leisten an Pferderenntagen stille Dienste. Wer heute am Grand-National-Wochenende die Tribünen besteigt, blickt auf ein Gelände, das zwei völlig verschiedene Sportgeschichten übereinandergelegt hat: Hier bremste Moss in Richtung Tatts Corner, dort setzen die Pferde über Becher's Brook. Aintree ist damit ein seltener Fall: eine ehemalige WM-Strecke, die nie ganz aufgehört hat, Rennstrecke zu sein – und auf der die beiden Sportarten, die sie sich einst teilten, bis heute nebeneinander existieren. Für Motorsporthistoriker gehört das Gelände zu den lohnendsten Zielen Englands, gerade weil es so wenig von einem Museum hat und so viel von einem lebendigen Sportplatz, an dem an manchen Wochenenden noch immer Motoren zu hören sind.

Auf der Karte

Aintree liegt mitten in einer dichten Motorsportlandschaft im Nordwesten Englands, unweit von Oulton Park und zahlreichen Clubstrecken der Region. Sein Doppelleben als Hindernisrennbahn und Grand-Prix-Kurs macht es zu einem der ungewöhnlichsten Punkte, die man auf einem Motorsportatlas setzen kann. Auf unserer interaktiven Karte findest du den Circuit ebenso wie Rennstrecken und Speedways in ganz England und weltweit. Wer bei Merseyside hineinzoomt, kann nachvollziehen, wo Becher's Bend einst neben Becher's Brook verlief.